Esel mit Taktgefühl

Ein richtig schöner Artikel aus der Kirchenzeitung:

Igor, Jonas und Jenny: Zwei Esel und eine Eseldame besuchen am Sonntag die Gemeinde St. Georg in Bensheim. Sie sollen dort die Palmsonntagsprozession anführen. Die drei sind keine gewöhnlichen Esel. Von Anja Weiffen.

Esel auf der Weide
Friedlich gehen die Therapie-Esel auf dem Zwingenberger Hof ihrem Hobby
Fressen nach: Jenny, ihr großer Bruder Jonas und Igor (Schlawinsky).
Foto: Sonnenkinder

Das struppige Fell ist ihr Markenzeichen. Aschgrau. Steingrau. Der Staub der Jahrtausende scheint Eseln im Fell zu hängen. Seit biblischen Zeiten ist dieses Tier Sinnbild für Demut und Dienstbereitschaft, zugleich für Sturheit und passiven Widerstand. Jesus zog auf einem Esel in die Stadt Jerusalem ein. So überliefern es alle vier Evangelien.

Pfarrer Thomas Catta hat sich der tragenden Rolle des Esels angenommen. Für die Palmsonntagsprozession in seiner Pfarrei St. Georg in Bensheim hat er nicht nur einen Esel organisiert. Es sind gleich drei.

Bereits im zweiten Jahr findet in St. Georg der Palmsonntag mit Esel statt. Eine Tradition, die Catta aus seiner vorherigen Gemeinde in Heidesheim mitgebracht hat. „Die Kinder sind ganz begeistert, sie dürfen die Esel streicheln und erleben diese Bibel-Szene sehr lebendig“, sagt der Pfarrer.

„Es ist eine Therapie ohne Worte“

Mit Kindern sind Igor, Jonas und Jenny besonders vertraut, denn die drei sind Therapie-Esel. Sie stammen vom Begegnungshof des Vereins „Sonnenkinder Elterninitiative Handicap“. Der Verein ist ein Netzwerk von Eltern, Therapeuten und Logopäden, die alle ehrenamtlich aktiv sind. Auf dem Begegnungshof in Zwingenberg-Rodau erfahren Kinder mit geistiger, manchmal auch körperlicher Behinderung tiergestützte Therapie. Die Protagonisten: drei Esel, Ziegen und Hunde.

„Es ist eine Therapie ohne Worte“, erklärt Sabine Schlingmann, die den Verein Sonnenkinder mit gegründet hat. „Der Kontakt erfolgt über Streicheln und Bürsten. Man kann bei uns auf dem Hof wirklich zusehen, wie Esel und Kinder aufeinanderzugehen.“ Putzen, striegeln, streicheln, füttern, spazierengehen. „Für die Esel ein Rundum-Wohlfühl-Paket“, ist sich Sabine Schlingmann sicher. Die teilnehmenden Kinder übernehmen Verantwortung ohne Druck. „Sie blühen auf“, erzählt die Mutter eines inzwischen 21-jährigen Sohnes mit Behinderung. „Die Kinder entfalten durch diese Art der Therapie ganz andere Strukturen als im Alltag.“

Vor allem ihre Geduld macht Esel zu wertvollen Therapie-Tieren. „Anders als ein Pferd sind Esel keine Fluchttiere. Wenn sie sich erschrecken oder Angst haben, laufen sie nicht weg“, weiß die Sonnenkinder-Initiatorin. „Im schlimmsten Fall bleiben Esel einfach stehen.“ Die Tiere auf dem Zwingenberger Begegnungshof haben zudem viele Jahre Therapie-Erfahrung und sind extra geschult.

Nicht Gewalt, sondern ruhige Zuwendung hilft

Der Kontakt zwischen dem Verein Sonnenkinder und der Pfarrgemeinde besteht schon länger. Die Esel haben zuvor schon dem Liebfrauenkindergarten in der Pfarrei einen Besuch abgestattet. Auch gibt es eine Spenden-Aktion zugunsten des Vereins.

Am Sonntag werden Igor, Jonas und Jenny mit den Ministranten die Palmprozession anführen, kündigt Pfarrer Thomas Catta an. Als wohltuend beschreibt er es, wenn die Esel den Takt der Schritte angeben. Ein Esel verlange von seinem Gegenüber Reife, Achtung und Respekt. Es nutze nichts, an einem Esel zu ziehen und zu zerren, nicht Gewalt, sondern ruhige und konsequente Zuwendung helfen weiter.

Pfarrer Catta: „In der Bibel ist der Esel der Jesus-Träger. Am Palmsonntag reitet Jesus nicht auf einem stolzen Pferd in die Stadt ein, sondern auf einem Arbeitstier, auf Augenhöhe mit den Menschen am Straßenrand.“

Zur Sache: Sonnenkinder

Die „Sonnenkinder Elterninitiative Handicap“ entstand 2004 als Elterninitiative unter dem Dach des Frauen- und Familienzentrums Bensheim. 2005 wurde ein eigener Verein gegründet. Der Sonnenkinder-Begegnungshof in Zwingenberg-Rodau eröffnete 2013 mit einem barrierearmen Gebäude, einem der Öffentlichkeit zugänglichen integrativen Spielplatz und Anlagen für die Begegnung mit Tieren.

 

Quelle: Esel mit Taktgefühl | Bonifatiusbote – Der Sonntag – Glaube und Leben